MÜHLEN

Geschichtliches

In Schleswig-Holstein, dem Land zwischen den Meeren, weht fast immer Wind. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn hier einst so viele Windmühlen vorhanden waren. Windmühlen gehörten fest zum Landschaftsbild von Schleswig-Holstein, so wie in den Alpen die Berge.

Die ersten Windmühlen wurden in Schleswig-Holstein im 13. Jahrhundert errichtet und waren Bockmühlen. Bei diesem Mühlentyp steht das rechteckige Mühlengebäude auf einen Bock und ist drehbar, so dass die Flügel immer in den Wind gedreht werden können. Die erste dieser Bockwindmühlen in Schleswig-Holstein ist im Jahr 1235 erwähnt. Allerdings war die Leistung der Bockwindmühlen bedingt durch ihre Bauweise begrenzt.


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Die einzige noch vorhandene Bockwindmühle in Schleswig-Holstein
befindet sich im Freilichtmuseum Molfsee


Im 16. Jahrhundert wurde in Holland die Holländerwindmühle erfunden, bei der nur noch die Haube oder Kappe gedreht werden mußte, um die Flügel in den Wind zu bekommen. Sie breitete sich anschließend zuerst in Holland und dann in Norddeutschland aus und verdrängte die Bockwindmühlen. Die Holländerwindmühle hatte erhebliche Vorteile gegenüber der Bockwindmühle. Sie war deutlich standfester und leistungsfähiger und es mußte nur noch die Kappe in den Wind gedreht anstatt das ganze Mühlengebäude. Im Jahr 1947 wurde in Damp die letzte Bockwindmühle in Schleswig-Holstein abgebrochen. Die einzige noch vorhandene Bockwindmühle in Schleswig-Holstein kann man im Freilichtmuseum Molfsee bewundern.



Der Mühlenzwang

Der Bau von Windmühlen unterlag damals den Landesherren. Flüsse und der Luftraum und damit auch der Wind wurden als Eigentum der Landesherren angesehen und durften nur mit ihrem Einverständnis und der Zahlung einer Pacht genutzt werden. Mühlen waren daher Anlagen der Landesherren und wurden in Pacht vergeben. Die Landesherren bezogen aus der Verpachtung ihrer Mühlen Einnahmen.

Jeder Mühle wurde ein bestimmtes Gebiet zugeordnet, und die Bauern in diesem Gebiet durften nur bei dieser einen Mühle ihr Korn malen lassen. Dieser Mühlenzwang wurde in Schleswig im Jahr 1852 und in Holstein im Jahr 1854 aufgehoben. In dieser Zeit gab es in Schleswig-Holstein etwa 430 Mühlen. Einige davon wurden privat betrieben, aber die Besitzer mußten an den Landesherren ein Windgeld abgeben.

Nach der Aufhebung des Mühlenzwanges war der Betrieb einer privaten Windmühle weiterhin von einer Konzession abhängig. Als im Jahr 1869 die Gewerbefreiheit eingeführt wurde, nahm die Anzahl der Windmühlen rapide zu, da von privater Seite viele neue Mühlen gebaut, so dass um 1890 in Schleswig-Holstein etwa 1200 Mühlen standen.


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Holländerwindmühlen gehörten einst zum Landschaftsbild von Schleswig-Holstein
hier die wieder betriebsfähige Windmühle "Sventana" bei Ascheberg


Nach 1900 entwickelten sich zunächst mit Dampf und später mit Strom betriebene Großmühlenbetriebe und bildeten eine immer stärkere Konkurrenz der Windmühlen. Auch in Windmühlen wurden Aushilfsantriebe in Form von Dampfmaschienen oder Petroleummotoren eingebaut. Nach dem ersten Weltkrieg in den 1920er Jahren wurden auch die ländlichen Gegenden elektrifiziert. Das Mühlensterben begann und viele Mühlen wurden abgebrochen. Ende der 30er Jahre ist die Zahl der Mühlen in Schleswig-Holstein auf etwa 200 zurückgegangen.

Im zweiten Weltkrieg wurden viele Großmühlenbetriebe und Transportwege zerstört. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die noch vorhandenen Windmühlen, die den Krieg unbeschadet überstanden haben, auf Hochtouren genutzt um die hungernde Bevölkerung so gut es ging mit der Grundlage Mehl zu versorgen. Bei den Windmühlen gab es eine neue Blütezeit, denn diese konnten sich vor Aufträgen kaum noch retten. Allerdings hielt diese nicht sehr lange an.



Das Mühlengesetz

In den 1950er Jahren war der Wiederaufbau in vollen Zügen und die elektrisch betriebenen Großmühlenbetriebe faßten langsam Fuss. Das Wirtschaftswunder setzte ein und die Technisierung nahm zu. Es begann ein erneutes Mühlensterben und die ländliche Müllerei ging allmählich zugrunde, da immer mehr die Großmühlenbetriebe nutzten.

Um windunabhängig die Erträge an Mehl und Brot sicherzustellen wurde schließlich im Jahr 1955 die Neuerrichtung von Mühlen verboten. Im Jahr 1957 wurde ein Mühlengesetz verabschiedet, das Gesetz über die Errichtung, Inbetriebnahme, Verlegung, Erweiterung und Finanzierung der Stillegung von Mühlen, das 1959 geändert und 1965 neu verfasst wurde. In diesem Gesetz hieß es, dass Mühlenbesitzern und Müllern eine staatliche Prämie gezahlt wird, wenn sie ihre stillgelegte Mühle mindestens 30 Jahre lang nicht mehr betreiben. Damit wurde das Mühlensterben noch erheblich vorangetrieben. Eine Mühle nach der anderen wurde stillgelegt und danach setzte der Verfall ein. So wurden viele Mühlen ab den 1960er Jahren nicht mehr betrieben und rotteten langsam vor sich hin. Viele Mühlen sind später abgerissen wurden, so auch einige im Bereich von Kiel. Das Mühlengesetz wurde erst 1972 durch ein anderes ersetzt. Auch der Beruf des Windmühlenbauers war damit erloschen und wurde aus der Handwerkskammer gestrichen.



Die Rückbesinnung

Zum Glück haben nicht alle Mühlen dieses Schicksal erleidet. In den 1970er Jahren kam es langsam zu einer Rückbesinnung und ein Umdenken setzte ein. Die Windmühle ist vor allem ein Kulturdenkmal von hohem Wert. Die noch verbliebenen Windmühlen wurden nach und nach in mühsamer Arbeit restauriert bzw. einige sogar neu aufgebaut. Es haben sich Vereine gebildet, die diese Arbeit in Eigenregie und mit fremder Hilfe sowie mit Zuschüssen und Spenden geleistet haben. So gibt es in Schleswig-Holstein von den einst 1200 Mühlen noch etwa 45, welche die Zeit überlebt haben und zum größten Teil restauriert wurden.

Einige Mühlen wurden zu Wohnungen, Restaurants oder Cafes umgebaut. Nicht alle von ihnen besitzen heute noch Flügel. Bei anderen sind die die Flügel nur noch zur Zierde und nicht mehr für den Betrieb vorhanden - sie wurden gekürzt oder sind zu klein. Nur noch wenige Windmühlen sind heute wieder komplett funktions- und mahlfähig. Beispiele dazu sind die Windmühle in Krokau, die Windmühle Nicola in Schleswig, die Windmühle Sventana in Ascheberg, die Windmühle Auguste in Groß-Wittensee oder die Windmühle Renata in Sörup-Schwensby. In einigen dieser noch funktionsfähigen Mühlen wird heute noch Korn gemahlen, meistens zu Futterschrot für Tiere, aber in einigen Fällen auch noch zu Schrot und Mehl für Brot wie z. B. in der Windmühle Renata in Sörup-Schwensby, der Windmühle Sventana in Ascheberg oder der Windmühle Nicola in Schleswig.

Gerade in Bezug auf Vollwertkost ist auf traditionelle Weise in einer Windmühle gemahlenes Korn gesünder, da hier auch der gesamte Mehlkörper mit der Schale vermahlen wird, und nicht nur, wie beim Weißmehl, der Inhalt des Korns. Das aus diesem Mehl gebackene Mühlenbrot, das manchmal in bestimmten Bäckereien noch zu haben ist, ist besonders schmackhaft und begehrt.

So sind von den einst so zahlreich vorhandenen Windmühlen in Schleswig-Holstein nur noch wenige vorhanden. Auf alten Fotos oder Ansichtskarten kann man sie aber noch bewundern und einen Hauch der alten Zeit spüren. Mühlen waren heute wie auch schon früher geheimnisvolle und romantische Orte.


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Die Windmühle Krokau ist vollständig restauriert und mahlfähig
(hier im Mai 2018)


Vor allem aber nutzen Windmühlen mit dem Wind eine saubere und kostenlose Energiequelle. Mit dem angeblichen Fortschritt für jeden Preis wurden zunächst immer mehr Verbrennungsmotoren als Antriebe genutzt, die aber die Luft mit Abgasen verpesten. Und der Strom für die späteren Elektroantriebe muß aus fossilen Brennstoffen gewonnen werden, die wiederum die Luft belasten, oder aus der Spaltung von Atomkernen. Spätestens der Atomunfall in Tschernobyl hat gezeigt, das dies ein Spiel mit dem Feuer ist. In Holland dagegen sind zahlreiche der alten Windmühlen noch sehr gut erhalten und die meisten davon drehen sich sogar noch. In vielen von ihnen wird auch heute noch Korn gemahlen, oder sie arbeiten als Poldermühlen zur Entwässerung des tiefer gelegenen Landes im Küstenbereich. In der Videoliste sind einige Beispiele genannt.


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